Hamburg-Harburg, 5.03.2026
Der Harburger Integrationsrat (HIR) zeigt sich zutiefst besorgt über die aktuellen Kürzungen bei den Integrationskursen. Nach einer Sprechstunde mit dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) am 23. Februar wurde deutlich: Die derzeitige Praxis kommt einem faktischen Zulassungsstopp für neue Kurse gleich.
„Uns erreichen täglich Berichte von Menschen, die hochmotiviert sind zu lernen, zu arbeiten und anzukommen – und denen nun schlicht gesagt wird: keine Kurse“, erklärt Oksana Korniyenko, Pressesprecherin des Harburger Integrationsrats und selbst langjährige Leiterin von Integrationskursen.
„Das ist nicht nur bürokratisch absurd, sondern integrationspolitisch hochgefährlich.“
Betroffen sind weit mehr als neu angekommene Geflüchtete
Die Kürzungen treffen nicht nur Geflüchtete, sondern auch Menschen, die bereits seit Jahren in Deutschland leben, hier arbeiten oder arbeiten wollen. Zwar besteht formal weiterhin die Möglichkeit, an Integrationskursen teilzunehmen – jedoch zunehmend nur noch auf eigene Kosten. Für viele neu angekommene Menschen sind diese Kosten schlicht nicht tragbar. Faktisch haben derzeit nur noch Personen, die Leistungen vom Jobcenter beziehen, Aussicht auf eine Kostenübernahme. Viele andere – darunter Erwerbstätige – bleiben ausgeschlossen. Besonders problematisch: Obwohl Sprach- und Orientierungskurse weiterhin Voraussetzung für die Verlängerung von Aufenthaltstiteln sind, fehlt für viele der Zugang zu genau diesen Kursen.
„Wir verlangen Integration, entziehen aber gleichzeitig das wichtigste Werkzeug dafür“, so Korniyenko.
Unklare Kriterien bei der Förderung verschärfen die Situation
Zusätzlich sorgt die staatliche Förderung von Integrationskursen ausschließlich für sogenannte „Menschen mit klarer Bleibeperspektive“ für große Verunsicherung. Was genau unter dieser „klaren Bleibeperspektive“ zu verstehen ist, bleibt in der Praxis jedoch unklar und wird nicht transparent oder einheitlich definiert.
„Menschen, die hier leben, arbeiten oder sich in Ausbildung befinden, wissen oft nicht, ob sie als förderfähig gelten oder nicht“, erklärt Korniyenko. „Diese Unsicherheit führt dazu, dass viele gar nicht erst versuchen, einen Kursplatz zu bekommen.“
Sprache ist Schlüssel – und Integrationskurse sind mehr als Unterricht
Integrationskurse leisten weit mehr als reine Sprachvermittlung. Sie geben Struktur, einen festen Tagesablauf und soziale Kontakte.
„Für viele Teilnehmende sind die Kurse der erste Ort, an dem sie außerhalb von Unterkünften echte Beziehungen aufbauen“, sagt Korniyenko.
„Wenn das wegfällt, hat das unmittelbare Auswirkungen auf das soziale Klima – auch in den Unterkünften selbst.“
Dies zeigt sich besonders deutlich in Einrichtungen wie der Unterkunft an der Schlachthofstraße, wo viele Menschen auf engstem Raum, ohne Privatsphäre leben. Durch die aktuellen Kürzungen verschärft sich dort das Gefühl von Perspektivlosigkeit spürbar.
Erfolge der Integrationskurse geraten aus dem Blick
Dabei werden die Erfolge der Integrationskurse zunehmend ausgeblendet. Viele Teilnehmende bestehen Prüfungen, finden Arbeit, engagieren sich gesellschaftlich – einige werden später selbst zu Lehrenden.
„Ich habe Menschen unterrichtet, die heute Kolleginnen und Kollegen von mir sind“, berichtet Korniyenko.
„Diese Erfolgsgeschichten entstehen nicht zufällig – sie sind das Ergebnis kontinuierlicher, professioneller Bildungsarbeit.“
Auch Träger und Lehrkräfte geraten unter Druck
In Harburg und bundesweit stehen zahlreiche Sprachkursträger und viele freiberuflich tätige Lehrkräfte vor einer ungewissen Zukunft. Das Kursangebot schrumpft drastisch, bestehende Zulassungen laufen im Sommer aus. Wie es danach weitergeht, ist offen. Die ab November geplanten sogenannten EOK-Kurse stoßen ebenfalls auf Kritik: Sie sind nicht standardisiert, es gibt keine verbindlichen Qualitätsanforderungen, keine anerkannten Prüfungen und keine Zertifikate für Teilnehmende.
„Das hilft niemandem nachhaltig – weder den Lernenden noch der Gesellschaft“, so Korniyenko.
Harburger Integrationsrat bietet Beratung und Dialog an
Der Harburger Integrationsrat versteht sich als Brücke zwischen Politik, Verwaltung, Trägern und den Menschen im Bezirk. „Unsere Aufgabe ist es, frühzeitig auf Fehlentwicklungen hinzuweisen und Lösungen anzuregen“, betont Korniyenko. „Wir möchten beraten, vermitteln und die Stimmen der Betroffenen hörbar machen.“
Der HIR setzt sich daher für einen zeitnahen Austausch ein, um die Folgen der aktuellen Weisung – die auf eine Entscheidung von Alexander Dobrindt zurückgeht und keine Gesetzesänderung darstellt – offen zu diskutieren und gemeinsam tragfähige Perspektiven zu entwickeln. Betroffene können Ansprechpersonen aus dem Gremium auch donnerstags zwischen 17 und 19 Uhr während der Sprechstunde in der Bücherhalle Harburg antreffen.
„Integration funktioniert nicht auf Zuruf und nicht mit Stoppschildern“, sagt Korniyenko.
„Sie braucht Verlässlichkeit, Qualität – und den politischen Willen, Menschen echte Teilhabe zu ermöglichen.“
Kontakt:
Harburger Integrationsrat
Oksana Korniyenko
Telefon: 0176/551 553 07
E-Mail: geschaeftsstelle@harburgerintegrationsrat.de